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Leibniz-Vorlesungen 2006: Prof. Dr. Thomas Metzinger

Prof. Dr. Thomas Metzinger
Leiter des Arbeitsbereichs Theoretische Philosophie am Philosophischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

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Niemand sein - Ethik, Menschenbild und die Auflösung des Selbst im Zeitalter der Neurowissenschaften

 

·         19.-21. Juni 2006, 18-20h
Veranstaltungsort: Leibniz-Haus, Holzmarkt 5, D-30159 Hannover. – Eintritt frei.

·         Eine Videoaufzeichnung der Leibniz- Vorlesungen 2006 ist online verfügbar.
[Links: Teil 1; Teil 2; Teil 3]

·         Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtet über die Leibniz-Vorlesungen 2006.

 

Mo, 19.6.2006: Von der Neuroethik zur Bewusstseinsethik:
Der Begriff einer „Bewusstseinskultur“

Das Generalthema der Vorlesungsreihe ist die Naturalisierung der Erste-Person-Perspektive: Lassen sich Kernbegriffe der traditionellen Philosophie des Geistes wie etwa „Bewusstsein“, „Subjektivität“ oder „phänomenal erlebte Innenperspektive“ begrifflich überzeugend auf eine Weise analysieren, die es erlaubt, die hinter diesen Konzepten stehenden Probleme zur weiteren Klärung an die empirischen Wissenschaften vom menschlichen Geist zu übergeben, zum Beispiel an die Neuro- und Kognitionswissenschaften?

Die erste Vorlesung wird sich allerdings zunächst mit normativen Aspekten der gegenwärtigen Situation befassen, nämlich mit den anthropologischen und ethischen Konsequenzen, die sich schon jetzt aus dem rasanten Erkenntnisfortschritt in den empirischen Mind Sciences ergibt. Was ist die Rolle der akademischen Philosophie im Zeitalter der Hirnforschung? Wie begegnet man auf metatheoretischer Ebene den massiven Veschiebungen in unserem eigenen Bild von uns selbst, was kann die Philosophie zur Minimierung psychosozialer Folgekosten und zu eine rationalen kulturellen Integration des neurowissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts beitragen? Ich werde zeigen, dass dabei neue Probleme für die angewandte Ethik eine interessante Rolle spielen, insbesondere das vor kurzem entstandenen Gebiet der „Neuroethik“. Eine These wird sein, dass das, was wir letztlich brauchen, nicht nur eine angewandte Ethik für die Neuowissenschaften und die Neurotechnologier ist, sondern auch eine „Bewusstseinsethik“.

Literaturhinweise:

Farah, M.J. (2005). Neuroethics: The practical and the philosophical. Trends in Cognitive Sciences, 9, 34-40.

Illes, J. (2005). Neuroethics: Defining the Issues in Theory, Practice and Policy. Oxford: Oxford University Press.

Illes, J. et al. (2005). International perspectives on engaging the public in neuroethics. Nature Neuroscience, 6, 997-82.

Metzinger, T. (1998b). Anthropologie und Kognitionswissenschaft. In P. Gold & A.K. Engel (Hrsg.), Der Mensch in der Perspektive der Kognitionswissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Metzinger, T. (2001a). Postbiotisches Bewusstsein: Wie man ein künstliches Subjekt baut und warum wir es nicht tun sollten. In Heinz Nixdorf MuseumsForum (Hrsg.), Computer. Gehirn. Was kann der Mensch? Was können die Computer? Begleitpublikation zur Sonderausstellung „Computer.Gehirn“ im Heinz Nixdorf MuseumsForum. Paderborn: Schöningh.

Metzinger, T. (2005f). Serie Neuroethik (Folge 1; 3-8): Unterwegs zu einem neuen Menschenbild. Eine noch junge Disziplin erforscht die Ethik der Neurowissenschaft und die Neurowissenschaft der Moral. Gehirn&Geist, 11f, 50-54; erscheint auch in: Carsten Könneker (Hrsg.), Was erklärt den Menschen? Hirnforscher, Psychologen und Philosophen im Dialog. Fischer (2006).

Metzinger, T. (2003f). Der Begriff einer Bewusstseinskultur. In G. Kaiser (Hrsg.), Jahrbuch 2002/2003 des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf: Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen.

Di, 20.6.2006: Bewusstsein und das phänomenale Selbst

Die zweite Vorlesung wird zunächst eine kurze Einführung in das Problem des bewussten Erlebens anbieten, so wie es sich heute aus der Perspektive der Philosophie des Geistes darstellt: Können wir den Begriff „Bewusstsein“ überhaupt definieren? Was ist die „epistemische Asymmetrie“, was genau heißt es eigentlich, dass Bewusstsein ein „subjektives“ Phänomen ist? Gibt es wissenschaftlich nicht-reduzierbare, qualitative Bewusstseinsinhalte? Anders, ontologisch, gefragt: Ist bewusstes Erleben in seinem vollen Gehalt überhaupt ein Teil der physikalischen Welt?

In dieser und der folgenden Vorlesung werde ich dann eine Lösung für das philosophische Kernproblem anbieten, nämlich für die Frage nach dem Wesen der phänomenalen Erste-Person-Perspektive. Kann man die Entstehung eines phänomenalen Selbst (des subjektiv erlebten „Ichgefühls“) und der von ihm ausgehenden Perspektive wirklich auf Informationsverarbeitungsvorgänge im Gehirn reduzieren? Was genau meint man, wenn man sagt, dass Menschen und viele Tiere eine Innenperspektive besitzen? Wieder anders gefragt: Kann man das phänomenale Erleben wirklich naturalisieren oder bleibt ein "philosophischer Rest“?

Ich werde dafür argumentieren, dass die Entstehung eines phänomenalen Subjekts tatsächlich etwas ist, das man sich als einen ganz und gar natürlichen Vorgang mit einer langen biosozialen Geschichte vorstellen kann. Der zentrale Begriff meiner repräsentationalistischen Analyse des phänomenalen Selbst ist der eines transparenten „phänomenalen Selbstmodells“ (PSM). Die ontologische Generalthese lautet, dass es solche Dinge wie Selbste in der Wirklichkeit nicht gibt: Niemand hatte oder war jemals ein Selbst.

Literaturhinweise:

Metzinger, T. (1995a). Bewusstsein - Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie. Paderborn: mentis.
[5. erweiterte Auflage April 2005.]

Metzinger, T. (2000b). Neural Correlates of Consciousness: Empirical and Conceptual Questions. Cambridge, MA: MIT Press.

Metzinger, T. (2003a). Being No One. The Self-Model Theory of Subjectivity. Cambridge, MA: MIT Press. [2. durchgesehene Auflage als Paperback September 2004]

Metzinger, T. (2004c). Précis of „Being No One“. In PSYCHE - An Interdisciplinary Journal of Research on Consciousness, 11 (5), 1-35.
Deutsche Übersetzung in Metzinger 2006a; vgl. dazu auch die kritischen Kommentare anderer Autoren.

Metzinger, T. (2006a). Grundkurs Philosophie des Geistes. Band 1: Phänomenales Bewustssein. Paderborn: mentis.

Mi, 21.6.2006: Das phänomenale Selbst und die Perspektive der ersten Person

In der dritten Vorlesung geht es darum, ein repräsentationalistisches Modell des Schritts vom nicht-begrifflichen Selbstbewusstsein zu einer genuinen, auch phänomenal erlebten Erste-Person-Perspektive anzubieten. Ich werde dazu den Begriff eines „phänomenalen Modells der Intentionalitätsrelation“ (PMIR) einführen. Subjektive Information ist genau diejenige Information, die unter einem PMIR dargestellt wird; inneres Wissen ist an eine individuelle Gegebenheitsweise gebunden, die durch eine bestimmte funktionale Architektur und eine spezifische repräsentationale Tiefenstruktur ausgezeichnet ist. Die These ist, dass Intentionalität nicht nur ein theoretisches Problem für Philosophen darstellt, sondern dass das entscheidende Merkmal des menschlichen Bewusstseins genau darin besteht, dass das Gehirn selbst sehr häufig eine subsymbolische Repräsentation der Intentionalitätsbeziehung in sein phänomenales Realitätsmodell integriert und dadurch die Tatsache global verfügbar macht, dass wir auf Wahrheits- und Erfüllungsbedingungen gerichtete Wesen sind. Ich möchte die Aufmerksamkeit auf diesen häufig übersehenen Punkt lenken und dafür argumentieren, dass es genau diese Eigenschaft war, welche die Entstehung einer kognitiven, begrifflich vermittelten Erste-Person-Perspektive und damit auch den Umschlag von der biologischen in die kulturelle Evolution ermöglicht hat.

Literaturhinweise:

Bermúdez, J.L. (1998). The Paradox of Self-Consciousness. Cambridge, MA: MIT Press.

Metzinger, T. (2003g, zusammen mit Vittorio Gallese). The emergence of a shared action ontology: building blocks for a theory. In G. Knoblich, B. Elsner, G. von Aschersleben, und T. Metzinger (eds),  Self and Action. Special issue of Consciousness & Cognition (12:4), December 2003, 549-571.

Metzinger, T. (2003j). Phenomenal transparency and cognitive self-reference. Phenomenology and the Cognitive Sciences, 2, 353-393.

Metzinger, T. (2006a). Conscious volition and mental representation: Towards a more fine-grained analysis. In N. Sebanz und W. Prinz (Hrsg.), Disorders of Volition. Cambridge, MA: MIT Press. S. 19-48.

Newen, A. & Vogeley, K. (2000)[Hrsg.] Selbst und Gehirn. Paderborn: mentis.


 

Informationen:

Prof. Dr. Thomas Metzinger leitet den Arbeitsbereich Theoretische Philosophie am Philosophischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und ist Vorstandsmitglied der Association for the Scientific Study of Consciousness, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kognitionswissenschaft und ein Senior Fellow des McDonnell-Project in Philosophy and the Neurosciences. Seit 2005 ist er Adjunct Fellow am Frankfurt Institute for Advanced Studies. Er promovierte 1985 in Frankfurt am Main, habilitierte sich 1993 an der Universität Giessen und hielt sich danach zu Forschungsaufenthalten am Hanse-Wissenschaftskolleg in Bremen und an der University of California at San Diego auf. 1999 erhielt er einen Ruf auf eine Professur für Philosophie der Kognition in Osnabrück, seit dem Jahre 2000 lehrt er in Mainz.

Veröffentlichungen:

Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen gehören Being No One (2. Auflage MIT Press 2004) und Bewusstsein – Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie (5. Auflage mentis-Verlag 2005). In Kürze erscheint ein dreibändiges Lehrbuch „Grundkurs Philosophie Philosophie des Geistes“ sowie ein populärwissenschaftliches Buch unter dem Titel „Der Ego-Tunnel“.


 

Kontakt (ZEWW):
Veranstalter: Prof. Dr. Paul Hoyningen-Huene

Für weitere Fragen: Dr. Thomas Reydon
Sekretariat: 0511 762-4801
Durchwahl: 0511 762-193 92
Fax: 0511 762-4758
E-mail: reydonww.uni-hannover.de