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Leibniz Vorlesungen 2011: Prof. Dr. Dominik Perler

Emotion & Kognition
Perspektiven der spätmittelalterlichen Philosophie

 

Prof. Dr. Dominik Perler
Lehrstuhl für theoretische Philosophie
Institut für Philosophie, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Vorlesungen werden am 18., 19. & 20. April 2011, jeweils 18:15 – 20:00 Uhr, im Leibniz-Haus der Leibniz Universität Hannover (Holzmarkt 4-6, 30159 Hannover) stattfinden.

Jedes Jahr im Frühling oder Sommer werden vom Center for Philosophy and Ethics of Science (ZEWW), eine Arbeitsgruppe des Instituts für Philosophie der Leibniz Universität Hannover, die Leibniz-Vorlesungen veranstaltet. In drei aufeinander folgenden Vorträgen berichtet eine an der Spitze der Forschung stehende, international renommierte Persönlichkeit über ihre Forschungsergebnisse. Die Vorlesungen sind für die breite Öffentlichkeit zugänglich und vermeiden Fachjargon so weit als möglich.

Die diesjährigen Leibniz-Vorlesungen werden von Herrn Prof. Dr. Dominik Perler (Institut für Philosophie, Humboldt Universität zu Berlin) zum übergreifenden Titel „Emotion und Kognition – Perspektiven der spätmittelalterlichen Philosophie“ gehalten werden.

1. Vorlesung, Mo. 18.4, 18:15-20:00 Uhr: Welchen kognitiven Gehalt haben Emotionen?


Es scheint selbstverständlich, dass Emotionen sich auf etwas beziehen und dadurch einen kognitiven Gehalt haben. So freut man sich über etwas, hofft auf etwas oder ist über etwas betrübt. Heutige Vertreter einer kognitivistischen Theorie erklären diese Tatsache, indem sie Emotionen als Zustände auffassen, die Überzeugungen beinhalten. Dieser Ansatz kann aber mehrere Phänomene (Emotionen von Tieren und Säuglingen, die kognitive Undurchdringbarkeit von Emotionen) nur ungenügend erklären. Mit Rückgriff auf mittelalterliche Theorien soll gezeigt werden, dass man den kognitiven Gehalt auch anders bestimmen kann, nämlich mit Bezug auf ein „formales Objekt“, das in einer Wahrnehmung gegeben ist. Als Ausgangspunkt dient Thomas von Aquins Theorie, die bis in die Neuzeit hinein einflussreich blieb und auch von Gegenwartsautoren (u.a. A. Kenny) wieder aufgegriffen worden ist. In einem ersten Schritt soll der metaphysische Rahmen dieser Theorie rekonstruiert werden. In einem zweiten Schritt soll eine konkrete Emotion, nämlich der Zorn, in diesem Rahmen analysiert werden. Schließlich soll aufgezeigt werden, wie diese Theorie einen kognitiven Gehalt bestimmen kann, ohne im engeren Sinn kognitivistisch zu sein.

2. Vorlesung, Di. 19.4, 18:15-20:00 Uhr: Lassen sich Emotionen kognitiv kontrollieren?


Emotionen haben einen ambivalenten Charakter. Einerseits sind sie Zustände, die uns einfach „überfallen“, ohne dass wir etwas dagegen ausrichten können. Andererseits sind sie Zustände, die wir durch gezielte Überlegungen und Willensentscheidungen auch steuern können. Wie ist diese Ambivalenz zu erklären? Ausgehend von Thomas von Aquins Erklärungsmodell soll zunächst erläutert werden, wie Emotionen als „sinnlich-appetitive Zustände“ natürliche Zustände sind, die durch kausale Prozesse entstehen und bis zu einem gewissen Grad nicht steuerbar sind. Die kausalen Prozesse können durch rationale Zustände aber teilweise beeinflusst und gelenkt werden. Wie weit diese Lenkung gehen kann und wie sie auch scheitern kann, soll anhand konkreter Beispiele gezeigt werden. Danach soll Wilhelm von Ockhams Kritik an Thomas’ Theorie vorgestellt werden. Ockham wies darauf hin, dass es neben den sinnlichen Zuständen auch „volitive Emotionen“ gibt, die einzig und allein durch rationale Tätigkeiten entstehen und daher vollständig rational gelenkt werden können. Auch hier soll anhand konkreter Beispiele gezeigt werden, welche Struktur diese höherstufigen Emotionen aufweisen und wie sie verändert werden können.

3. Vorlesung, Mi. 20.4, 18:15-20:00 Uhr: Haben auch Tiere kognitiv gehaltvolle Emotionen?

 
Im Gegensatz zu Menschen haben Tiere keine prädikative Sprache und damit auch keine Überzeugungen im strengen Sinn. Somit können sie weder mit Hilfe von Überzeugungen Emotionen hervorbringen noch Emotionen steuern. Trotzdem lässt sich beobachten, dass Katzen sich fürchten oder Hunde sich über etwas freuen und dass diese Emotionen durch ein gezieltes Training teilweise verändert werden können. Wie lässt sich die Genese und Veränderbarkeit von Tier-Emotionen ohne Rekurs auf Überzeugungen erklären? Mit Verweis auf Avicenna, Thomas von Aquin und Gregor von Rimini soll diese Frage diskutiert werden. Alle diese Autoren betonten, dass Tiere allein durch die Wahrnehmung Gegenstände als gut oder schlecht evaluieren und dadurch Emotionen auslösen können. Sie waren aber unterschiedlicher Meinung darüber, worin das genaue Objekt der Tier-Emotionen besteht und wie frei oder unfrei Tiere in der Veränderung ihrer Emotionen sind. Anhand eines klassischen Beispiels (nämlich des Schafes, das sich vor dem Wolf fürchtet) sollen die Differenzen aufgezeigt werden. Gleichzeitig soll auch verdeutlicht werden, wie weit die Erklärungsmöglichkeiten von Modellen reichen, die einen kognitiven Gehalt von Emotionen annehmen, ohne in kognitivistischer Manier auf Überzeugungen zu rekurrieren.

Literatur zu den Leibniz-Vorlesungen 2011:

Literatur zur gegenwärtigen Debatte

De Sousa, R. (1987): The Rationality of Emotions, Cambridge, Mass.: MIT Press.

Dixon, T. (2003): From Passions to Emotions. The Creation of a Secular Psychological Category, Cambridge & New York: Cambridge University Press.

Döring, S. A. (Hrsg.) (2009): Philosophie der Gefühle, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Goldie, P. (2000): The Emotions. A Philosophical Exploration, Oxford: Clarendon Press.

Goldie, P. (Hrsg.) (2010): The Oxford Handbook of Philosophy of Emotion, Oxford & New York: Oxford University Press.

Hartmann, M. (2005): Gefühle. Wie die Wissenschaften sie erklären, Frankfurt a.M.: Campus.

Kenny, A. ([1963] 1994): Action, Emotion and Will, Bristol: Thoemmes 1994.

Nussbaum, M. C. (2001): Upheavals of Thought. The Intelligence of Emotions, Cambridge & New York: Cambridge University Press.

Oksenberg Rorty, A. (1988): „Explaining Emotions“, in dies., Mind in Action. Essays in the Philosophy of Mind, Boston: Beacon Press, S. 103-120.

Solomon, R. (1993): The Passions. Emotions and the Meaning of Life, Indianopolis & Cambridge: Hackett.

Solomon, R. (2003): Not Passion’s Slave. Emotions and Choice, Oxford & New York: Oxford University Press.

Primärliteratur zur mittelalterlichen Debatte

Avicenna latinus (1972) : Liber de anima seu Sextus de naturalibus (ed. S. van Riet), Louvain & Leiden: Peeters & Brill.

Gregor von Rimini (1981): Lectura super primum et secundum Sententiarum (ed. A. D. Trapp & V. Marcolino), Bd. 1, Berlin & New York: W. de Gruyter.

Thomas von Aquin (2006): Summa theologiae 19: The Emotions (übers. E. D’Arcy), Cambridge & New York: Cambridge University Press.

Wilhelm von Ockham (1991): Quodlibetal Questions (übers. A. Freddoso), New Haven & London: Yale University Press.

Sekundärliteratur zur mittelalterlichen Debatte

Besnier, B., Moreau, J.-F., Renault, L. (Hrsg.) (2003): Les passions antiques et médiévales, Paris: Presses Universitaires de France.

Brungs, A. (2002): Metaphysik der Sinnlichkeit. Das System der Passiones Animae bei Thomas von Aquin, Halle: Hallescher Verlag.

Hasse, D. (2000): Avicenna’s De Anima in the Latin West. The Formation of a Peripatetic Philosophy of the Soul 1160-1300, London & Turin: Warburg Institute & Nino Aragno Editore.

Hirvonen, V. (2004): Passions in William Ockham’s Philosophical Psychology, Dordrecht: Kluwer.

King, P. (1998): „Aquinas on the Passions“, in: S. Macdonald & E. Stump (Hrsg.), Aquinas’s Moral Theory. Essays in Honor of Norman Kretzmann, Ithaca & New York: Cornell University Press, S. 101-132.

Knuuttila, S. (2004): Emotions in Ancient and Medieval Philosophy, Oxford: Clarendon Press.

Lagerlund, H. & Yrjönsuuri, M. (Hrsg.) (2002): Emotions and Choice from Boethius to Descartes, Dordrecht: Kluwer.

Miner, R. (2009): Thomas Aquinas on the Passions. A Study of Summa Theologiae Ia2ae 22-48, Cambridge & New York: Cambridge University Press.

Pasnau, R. (2002), Thomas Aquinas on Human Nature. A Philosophical Study of Summa theologiae Ia 75-89, Cambridge & New York: Cambridge University Press.

Perler, D. (2011): Transformationen der Gefühle. Philosophische Emotionstheorien 1270-1670, Frankfurt a.M.: Fischer.

Schäfer, Ch. & Thurner, M. (Hrsg.) (2009): Passiones animae. Die „Leidenschaften der Seele“ in der mittelalterlichen Theologie und Philosophie, Berlin: Akademie Verlag.

Kontakt

Veranstalter: Prof. Dr. Paul Hoyningen-Huene

Für weitere Fragen: Prof. Dr. Thomas Reydon
Sekretariat: 0511 762-2494
Durchwahl: 0511 762-19391
Fax: 0511 762-4758
E-mail: reydonww.uni-hannover.de

Was sind die Leibniz-Vorlesungen?

Um dem Auftrag der Universität nachzukommen, international angesehene Wissenschaftler aus der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsethik an die LUH zu bringen, wurde die Institution der Leibniz-Vorlesungen an der Universität Hannover ins Leben gerufen. Die Idee ist jedes Jahr im Frühling oder Sommer eine an der Spitze der Forschung stehende, international renommierte Persönlichkeit in drei aufeinanderfolgenden Vorträgen über ihre Ergebnisse berichten zu lassen. Dabei soll insbesondere der erste Vortrag einführenden Charakter haben und für die breite Öffentlichkeit zugänglich sein. Die Spannweite der möglichen Themen soll durch das Werk des großen Universalgelehrten Leibniz vorgegeben sein; entsprechend kommen nicht nur professionelle Philosophen als Vortragende in Frage, sondern auch Wissenschaftler mit einem über ihre Fachgrenzen hinausreichenden Horizont. Die Leibniz-Vorlesungen finden traditionsgemäß im Leibniz-Haus statt.

Eintritt frei, Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Auskünfte erteilt Prof. Dr. Thomas Reydon (reydonww.uni-hannover.de, Tel. 0511 - 762 19391).